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Genauso groß wie das Angebot an Familien- und Erziehungsratgebern ist meine Allergie dagegen. Jesper Juul wurde uns aber von einer Freundin empfohlen, weswegen ich das Buch überhaupt gelesen habe. Es ist kein Ratgeber, und das ist schon mal ein großer Gewinn. Meine Begeisterung für Jesper Juul und seine Erkenntnisse ist während des Lesens stetig gewachsen.

Auf der Webseite von FamilyLab standen zwei Artikel, die zusätzlich zur Empfehlung dazu beigetragen haben, das ich die 5 Grundsteine für die Familie gelesen habe:
Was Kinder brauchen – Der Tagesspiegel 22.Mai 2016,
„Ich kämpfe täglich mit deutschen Müttern“ – ZEITmagazin, 25.02.2010 Nr. 09

Ich musste mich in einer ganzen Reihe von seinen Geschichten wiedererkennen. Zum Glück nicht nur in den weniger schönen, aber leider doch recht oft. Was ich an Jesper Juul mag, ist seine Art, Verhalten und Folgen darzustellen. Er verwendet Beispiele aus seiner langen Erfahrung als Familientherapeut und seiner Initiative FamilyLab. Kein erhobener Zeigefinger und trotzdem habe ich sehr viel mitnehmen können. Ich fand es erstaunlich, welche kleinen Veränderungen im eigenen Verhalten zu einer deutlich entspannteren Beziehung zu den eigenen Kindern führen. Manchmal sind es sogar nur kleine Änderungen im verbalen Ausdruck, die etwas bewirken.

Mein Lieblingsbeispiel ist – ich nenne es mal so – die „falsche Frage“. Jeder kennt das, man hört sie so oder ähnlich tausend mal am Tag: Ein kleineres Kind spielt im Sandkasten, Mama will nach Hause zu gehen, denn es ist Zeit fürs Abendbrot. „Hast Du Hunger? Gehen wir jetzt nach Hause?“ fragt Mama. Grundehrlich antwortet das Kind: „Nein!“. Natürlich nicht! Hat bei Alina auch noch nie funktioniert! Zu fragen war noch nicht mal ehrlich, denn eigentlich will Mama dem Kind nicht die Wahl lassen. Warum fragt sie dann überhaupt? „Ich gehe jetzt nach Hause, es ist Abendbrotzeit und ich habe Hunger. Ich helf‘ Dir beim Aufräumen.“ klappt dagegen bei Alina. Natürlich kommt auch da mal „Och menno!“ oder „Will aber nicht!“ trotzdem macht sie mit. Es ist eine klare Willensbekundung und keine demokratische Abstimmung. Die kann man bringen, wo einem der weitere Verlauf nicht wichtig ist: bei der Frage nach Zoobesuch oder Matsch-Spielplatz zum Beispiel.

Es findet sich noch sehr viel mehr: über Kooperation, Integrität, Selbstvertrauen und (wichtig!) Selbstgefühl und nicht zuletzt die Kunst des Nein-Sagens. Das einzig Schlimme an dem Buch ist, dass ich jetzt draußen alltäglich Situationen beobachte, in denen ich den weiteren Verlauf sehr gut vorhersagen kann. Da muss ich einfach mal die Klappe halten, auch wenn es manchmal gar nicht lustig ist. Hab selber vor meiner Tür genug zu kehren :)

5 Grundsteine für die Familie von Jesper Juul
Verlag: Kösel-Verlag Sep 2015 (2015)
160 Seiten
ISBN 10: 3466310504
ISBN 13: 9783466310500
Preis: 16,99 €

(swg)

Fall of Giants

Mit dem dicken Wälzer auf dem Nachttisch hab ich mich fast nicht wohlgefühlt, und einschlafen kann man mit dem Teil auch nicht. Man schlägt sich immer wieder wach – obwohl man eh schon längst die Augen zugemacht haben sollte, denn weglegen will man den schon gar nicht. Zu fesselnd ist es, fünf Familien durch den Wahnsinn des Ersten Weltkrieges zu folgen.

Was ich etwas befremdlich fand, ist die Darstellung des Kriegsgeschehens. Der Erste Weltkrieg ist eine Material- und Menschenschlacht sondergleichen gewesen. Erstmalig in der Geschichte der Menschheit konnte und wurde Kriegstechnik mit einer Rücksichtslosigkeit und in einer Menge eingesetzt, die alles Vorstellbare sprengt. Mit welch massiven Mitteln um wenige Meter Gelände gekämpft wurde! Was eigentlich ein Sperrfeuer eines MG bedeutet, für einen, der quer übers Niemandsland rennen soll! Nix, nur ein paar „kleine Heroen“, in Person der Hauptdarsteller des Buches. Der Gaskrieg in Flandern findet nicht mal Erwähnung.

Das klingt vielleicht etwas enttäuscht, ich bin es aber gar nicht. Es ist ein echter Follett, toll geschrieben und wohl auch nah an der Geschichte. Er erzählt eher über die politische Seite des Ersten Weltkrieges – vor allem in Großbritanien und den USA – mehr, als der Durchschnitt vom WWI weiß. Nicht zu vergessen: Man bekommt auch einen recht detailierten Blick auf die Oktoberrevolution und den Sturz des Zaren.

Was weiß man denn heute schon noch über den ersten Weltkrieg? In der Schule hat man mal davon gehört, aber mehr als Beginn und Ende oder das Stichwort Sarajevo-Attentat weiß man nicht. Mir hat immer zu den nackten Zahlen und dem groben Fakten-Rahmen eine tatsächliche Geschichte gefehlt. Wenn ich mich an Ereignisse erinnern soll, brauch ich eine emotionale Beziehung dazu – Fakten sind sonst wie Namen: Schall und Rauch.

Fall of Giants von Ken Follett
Verlag: Dutton Adult, 28. September 2010, gebundene Ausgabe
985 Seiten
ISBN 10: 0525951652
ISBN 13: 9780525951650
Preis: 18,95 €

(swg)

Wladimir Kaminer - Ich bin kein Berliner
Zieht sich wie Kaugummi am Schuh… Ach ich weiß nicht: Russendisko hab ich – von ihm selbst gelesen – gehört, das war lustig. Der Ich-bin-kein-Berliner-Berlin-Führer ist es irgendwie nicht so. Die Geschichtchen sind für sich alle ganz nett. Insgesamt bleibt das Gefühl, da habe jemand Kolumnen zusammenkopiert – obwohl das wahrscheinlich ungerecht ist, sowas zu behaupten. Vielleicht kickt es Berliner mehr.

Verlag: Goldmann Verlag, 12. März 2007, Taschenbuch
256 Seiten
ISBN 10: 3442542405
ISBN 13: 978-3442542406
Preis: 8,95 €

(swg)

Für viele meines Alters und Generationen davor, so scheint es, war Karl May der Einstieg ins Lesen von „Erwachsenen-Büchern“. Für mich nicht, bei mir was das Kinuli von Vera Chaplina. Ich hab mich lange vorm Großmeister der Westmann-und-Indianer-Geschichten gedrückt. Old-Surehand stand lange im Regal rum, ich hatte wenig Bock auf Indianergeschichten. Manchmal gehen einem aber die Ausreden – aka Lesestoff – aus und der Auslöser war ’ne Europa-Hörspielkassette. Total vom Hocker gerissen hat mich das Buch dann nicht, aber zum Wegstellen langweilig war’s beileibe auch nicht.

Und jetzt mal ’ne Biographie vom May.Karl May, oder Die Macht der PhantasieGekauft hätte ich mir die nie, Marias Großtante hat sie mir geschenkt. Es liest sich gut, was der Professor da zusammengetragen hat. Ich glaube nicht, dass es einen zugänglicheren Blick auf Mays Leben und Wirken gibt, als diesen. Neben den Stationen seines Leben bekommt man auch einen kleinen Einblick in die Seele Mays vor dem Hintergrund der damaligen Verhältnisse. Nie verliert sich das Buch aber in den Wirrungen der Beziehungen. Erstaunlich, wie sehr May sich in seine fiktiven Figuren hineingesteigert hat. Mehr noch, wie bereitwillig ihm abgenommen wurde, Reiseschriftsteller zu sein, der berichtet. Mays Fall war dann auch von recht hohem Podest. Nichtsdestotrotz hat er noch heute seine Fangemeinde, wenn er auch längst nicht mehr der Jugendschriftsteller ist.

Eindeutig: Leseempfehlung.
(swg)

Karl May, oder Die Macht der Phantasie von Helmut Schmiedt
Verlag C.H.Beck oHG, München 2011, 366 Seiten
ISBN 10: 3406621163
ISBN 13: 978 3 406 62116 1
Preis: 22,95 €