Archives for the month of: Dezember, 2011

Gestern wurde mein Zimmer gebraucht, was aber nicht heißt, dass sie mich raus ließen. Nö, ich bekomme den letzten Platz in einem 2+1-Zimmer. Zwei alte Männer sind schon da, ich reiß den Altersschnitt „etwas“ runter.

Reinhold ist erst seit kurzem hier. OP, Beobachtung, dann darf er demnächst heim. Lehrer war er, sonst kriegt man nicht viel aus ihm raus. Aber quasseln kann er am Telefon trotzdem, wie ’ne Klatschbase. Inzwischen muss sein halbes Dorf wissen wieso, weshalb und warum. Reinhold erzählt die selbe verkackte Story je!des! Mal! gleich!
Beschweren kann er sich auch: Weil sein Telefon einen Euro Bereitstellung kostet! Dass das Ding scheppert! Wie laut es im Aufwachraum war! Dauernd käme da einer, da hätte man man ja gar! kei!ne! Ru!he! …

Sein blödes Telefon klingelt schon wieder! Ich kann zwischendrin aufs Klo gehen und Sekunden zählen: Wenn ich wieder komme, weiß ich genau, an welcher Stelle seiner Scheißgeschichte er gerade ist. Klappt wirklich. Wie deprimierend.

Als Reinhold mal aufs Klo muss, meint Peter „Der hätte Telefonist werden sollen!“ „Und?“, frag ich, „haste mal mitgezählt?“ „18!!“ sagt er, wie aus der Pistole geschossen, „Wo ich da war!“. Dann hat Peter nur sieben Anrufe verpasst, als er bei der Dialyse war… Zeit für meine Schmerzmittel.

Peter ist übler dran, der ist schon fünf Monate hier drin. Ihm geht’s öfter sehr dreckig. Heute Nacht mussten sie ihn beatmen und an einen Monitor hängen. Mitgekriegt hab ich das nicht, ich hab geschlafen, wie ein Stein. Er hat ernsthaft schiss, hier nie mehr auf den eigenen Füßen rauszulaufen. Das nahe Weihnachten macht die Sache nicht einfacher, er würde gerne bei seinen Enkeln sein.

(swg)

„Sind sie Wach?!…“, ‚Ja, total, ist’s schon vorbei?‘ wollte ich sagen, kriege aber nur ein Krächzen zustande, auf das ich dann Husten muss. Bestimmt vom scheiß Beatmungsschlauch gereizt. Wenigstens ist mir nicht übel von der Narkose. Hey, der zweite Gedanke schon positiv. Weiter so! Die Fragestellerin ist schon wieder entschwunden, bevor ich fokusieren konnte. Keine Ahnung, wie lange ich noch unten war, aber man schiebt mich alsbald wieder in den alten Rumpelkasten-Fahrstuhl und mein Zimmer.

Ich glaub, ich hab im Fahrstuhl ’nen total blöden Blondinenwitz erzählt. Lachend hat die blonde Ärztin zur schwarzhaarigen Nachtschwester gesagt „Der’s wiedor oukey!“

(swg)

Schneller als ich vermutet hätte, bin ich hier gelandet: im Krankenhaus. Blöde Sache. Die Ärztin der Notaufnahme mit dem schmalen Mund macht noch schmaler Lippen. Wieso ich so lange gewartet habe? Naja, so machen Männer das halt? Kämpfend oder tot, dazwischen nix?! Nichtmal ein Schmunzeln. Der Bereitschaftsarzt käme gleich und guckt sich’s nochmal an. Hm. Inzwischen füllen wir ein bisschen Papier aus, ich muss wohl hier bleiben.

Herr Dr. P. ist so, jung wie ich. Er sieht aber mindestens so müde aus, als hätte er zwei Leben lag nicht geschlafen. Ich hab ihn wohl von seinem ersten Wetten dass…? seit Jahren weggeholt, wie er, mit trotzdem freundlichen, Lächeln erwähnt. Dann wird er ernst und erklärt mir, was jetzt alles schief gehen kann, und welchen Horror sie an mir vor haben. Tolle Aussichten. Na, jetzt ginge es gleich rauf auf Station, die Anästhesie hätte dann um elf Zeit und ich wär ja dann auch nüchtern. Da kann’s losgehen. – Öh, losgehen? – Ja, losgehen! Mit der OP! – Oh…Pee…

Ich komme allein auf ein Doppelzimmer. Abgenutztes Weiß schmückt die Wände, das Mint der Stühle hebt weder sich ab noch meine Stimmung. Halb elf schicke ich Maria heim. Scheißgefühl.

—-

Es ist ein Scheißgefühl, als mich die Nachtschwester kurz nach elf durch die Gänge schiebt. Oh, die fernsehbekannte Opferperspektive auf vorbeziehende Neon-Deckenleuchten. Mit dem alten Fahrstuhl rumpeln wir runtern zum Folterkeller OP.

Götter Ärzte in grün nehmen mich in Empfang. Ich hab Schiss. Nein, das ist gelogen. Ich hab scheißverdammte Riesenangst. Die Ärztin fragt mich, ob’s mir gut geht. – Wär ich dann hier?! Sie lacht, geht. Ich würde jetzt gerne den Rückzug antreten. Zu spät, der Anästhesist kommt. Vorsichtshalber erwähne ich meine letzte Aspirin nochmal. Macht wohl nix. Schade. Er erklärt mir die weitere Prozedur, dann komme ich schon in den OP.

Unter den spacigen Leuchten werde ich für die OP hinhergerichtet. „So, jetzt gibt’s erstmal was zu Beruhigung…“ sagt’s und drückt mir irgendwas über den Zugang in meine Armvene. „Dreht’s ein bisschen?“ „Hahem“ „Ich geb ihnen bissel Sauerstoff über die Maske…“ weggewand „Mach mal dreißig Prozent… – und tief einatmen“, fasziniert höre ich, wie mein Herzschlag sich bei jedem Einatmen extrem verlangsamt um beim Ausatmen etwas zu beschlenigen. „Nochmal schön tief einatmen…“
pip…pip…pip……piep……piep………piep………*

(swg)/del