Archives for the month of: Juni, 2006

Kollegen, die sich in einem Versorgungsauftrag sehen, sind was tolles. So erträgt man die Hitze hier gleich viel besser, Danke!
Teller mit Erdbeeren
(swg)

Diesem Artikel sei vorangestellt, dass er sich natuerlich nicht verallgemeinern laesst. Keine Ahnung, wie der Standard-Russe sonst so lebt. Meine Unterbringung entspricht allerdings ganz meinen Erwartungen!
Mein hiesiges Wohnumfeld lässt sich dem beigefuegten Panorama entnehmen. Die Photos sind am Ufer des Finnischen Meerbusens entstanden. Keine hundert Meter vom Wohnheim entfernt umspült er St.Petersburg.
Panorama meines Wohnortes in St.Petersburg

Panorama meines Wohnortes in St.Petersburg

Wer jetzt denkt: Toll!, nette Strandspaziergaenge und Meeresrauschen! irrt leider. Der “Strand” besteht aus einem mehr oder minder von Gras bewachsenen Streifen Erde, der zudem von Muell uebersaeht ist. Die Geraeuschkulisse ist gepraegt von Baulaerm. Wie ich schon frueher erwaehnt habe, werden hier an allen Ecken neue Betonkloetze hochgezogen. Ungeachtet dessen wird der “Strand” jedoch ausgiebig von Einheimischen als solcher genutzt. Gerade in den lezten Tagen, in denen es durchgaengig ca. 30˚C warm war, tummelten sich zahlreiche Leute am und im Wasser. Irgendwie scheinen die Russen da ein dickeres Fell zu haben, denn die Wasserqualitaet ist nicht gerade ueberzeugend und bei dem Unrat im Wasser sind Badelatschen ein Muss (Jordan hat sich da drin schon ordentlich den Fuss aufgeschnitten). Da es allerdings sonst an Parks und Gruenanlagen in der Umgebung mangelt, ist es wohl noch eines der angenehmeren Fleckchen…

Mein Wohnheim in der Kapitanskaja Uliza 3

Mein Wohnheim in der Kapitanskaja Uliza 3
Blick vom Zimmer im Wohnheim auf die Kapitanskaja Uliza

Blick vom Zimmer im Wohnheim auf die Kapitanskaja Uliza

Aber jetzt mal zum Wohnheim. Selbiges ist in der Mitte des Panoramas ansatzweise zu sehen: es ist das Gebaeude mit der roten Leuchtreklame. Eher eines der aelteren Gebaeude in diesem Viertel, zwoelf Stockwerke hoch mit zehn Apartments auf jeder Etage. In jedem Apartment wohnen vier bis sechs Leute. Fuer den, der schonmal in Prohlis oder Gorbitz gewohnt hat, eigentlich nichts ungewoehnliches. Nur das sich hier seit der Erbauung anscheinend nichts mehr getan hat.
Mein Zimmer im Wohnheim in St. Petersburg

Mein Zimmer im Wohnheim

Die Raeume sind ziemlich hellhoerig. Koreaner sind sehr ueberschwaengliche, gesellige und feierfreudige Menschen, das haben sie mir als meine Nachbarn mehrfach bewiesen!! Tapeten und Vorhaenge erinnern an alte Zeiten. Mehr als zwei Steckdosen pro Zimmer gibt es nicht, auch nicht in der Kueche – die sind dann halt mit den beiden Kuehlschraenken belegt. Nur die aufputz verlegten Ethernet-Leitungen verspruehen einen Hauch Hightech – der apokalyptischen Sorte á la Mad Max.
Die Warmwasserversorgung ist eher sporadisch und den Hinweis: “Please, do not touch! It is dangerous!!!” auf dem Boiler sollte man lieber Ernst nehmen. Und nochetwas ist mir jetzt endgueltig klar: frueher habe ich mich immer gefragt, warum man die tolle Erfindung des “Muellschluckers” in den Zehngeschossern der Neubaugebiete [1] wieder abgeschafft hat. Zwei bis drei Tage 30˚C Hitze und ein wenig belueftetes Treppenhaus haben mir die Antwort gegeben…
Aber immerhin hat jeder sein eigenes Bett. Beim Essen muss auch nur einer von vieren stehen. Fuer ’nen Euro wird einem sogar die Waesche gewaschen. Einmal die Woche kommt die Reinigungskraft und die bringt dann auch den Muell raus. Was will man mehr?! (Henning)

[1]…Olaf Schubert

Drückende Schwüle den ganzen Tag. Luftfeuchtigkeit wie im tropischen Regenwald und Dir läuft die Soße den Rücken runter. Aber wird Dir dabei kühler? Nein, Du schwitzt nur um des Schwitzens willen. Gerade kam endlich der erlösende Gewitterguss. Und er hat einen Regenbogen mitgebracht, das entschädigt :) (clicky)
Regenbogen über dem Barkhausenbau, TU-Dresden
aufgenommen mit Nokia 6230i (swg)

Auch eines der Dinge, an das man sich erst gewoehnen muss…
Als Taxifahrer braucht man in Petersburg offensichtlich keine Lizenz oder Berechtigung irgendeiner Art. Oder es stoert zumindest keinen, dass ein Grossteil der Taxis “schwarz” faehrt. Es gibt auch offizielle, die mit ’nem gelben Schild auf dem Dach, aber ich hab noch keines benutzt. Wahrscheinlich sind sie auch teurer.
Man stelle sich also an den Strassenrand und halte die Hand hinaus – keinen Daumen oder sonstigen Finger – einfach nur die flache Hand schraeg nach unten. Es dauert dann meistens keine 30 Sekunden bis eines der Autos anhaelt. Den Preis sollte man stets vor der Fahrt festlegen.

Die Benutzung dieses oeffentlichen Transportmittels ist einerseits lebenswichtig, lebensmüde muss man dafür andererseits auch sein. Lebenswichtig, da es des Nachts die einzige Moeglichkeit ist nach Hause zu kommen. Bei vier Personen ist jeder mit ca. einem Euro dabei. Lebensmuede wegen des Fahrstils und des Vehikels selbst. Dieses ist zumeist ein Lada, Wolga, hin und wieder auch ein Ford Escord oder vergleichbares. Aber es ist unter Garantie nie juenger als 20 Jahre. Alles was abfallen koennte ist bereits abgefallen, rostrot ist die ueberwiegende Farbe des Wagens. Hinten laesst sich nur eine Tuer oeffnen (mehr ist ja auch nicht noetig) und Gurte im Fond zaehlen schon zur Komfortausstattung. Der Fahrer ist eigentlich immer ganz nett und Unterhalten ist Pflicht! Nachdem man dem Fahrer erläutert hat, dass Anschnallen (soweit moeglich) fuer uns reine Gewohnheit und kein Akt des Misstrauens ist, folgen dann die ueblichen Fragen nach dem Woher und Wohin und Warum und ueberhaupt. Bemerkenswert ist, dass ich noch keinen Fahrer erlebt habe, der trotz schlechter Strassen und unter Missachtung saemtlicher Verkehrsregeln (einschliesslich roter Ampeln) die magische Grenze der 100 km/h nicht erreicht haette. Und wenn man dann noch erfaehrt, dass er die letzten drei Tage durchweg gearbeitet hat, weil er seine Stadt gerade waehrend der Weissen Naechte so liebt, freut man sich doch gleich auf das naechste Mal. (Henning)